Vereinbarkeit

Vereinbarkeit

Vereinbarkeit ist ja auch in aller Munde. Ich gebe zu: das Thema habe ich völlig unterschätzt. Ich war so naiv, bevor das Kind kam. Keine Großeltern in der Nähe, keine Freunde mit übermäßig viel Freizeit, aber dennoch: das wird doch alles nicht so schwer sein mit der Arbeit und dem Kind und dessen Betreuung. Dann arbeite ich halt ab und an mit dem Kind auf dem Schoß, was soll’s? Und natürlich steige ich nach einem halben Jahr wieder ein im Job, ich brauche ja meine Arbeit, ich möchte doch irgendwie bei Sinnen bleiben. Tja, und dann kam das Kind. Und von Muttergefühlen macht man sich im Vorfeld auch kein realistisches Bild. Abgesehen davon, dass ein Betreuungsplatz im Frühjahr total utopisch war, wollte ich auch noch gar nicht wieder zurück an den Schreibtisch. Viel lieber wollte ich meine Nase weiterhin den halben Tag in den Nacken des Kindes kuscheln, die andere Hälfte damit zubringen, im dm zu stehen, Windeln zu wechseln, einhändig zu essen, während die andere Hand das Kind balanciert und nicht zu schlafen. Was ich aber auch machen musste: einen Betreuungsplatz organisieren, bei Kitas vorsprechen, das Kind auf die Warteliste setzen lassen, mit den diversen Trägern sprechen, um eine Tagesmutter zu bekommen (die dann auch noch unseren wenigen Ansprüchen entsprechen sollte – nett sein, organisiert und sauber). Es war nicht leicht. Was ich zu sehen bekam, brachte meinen Glauben an das Gute im Menschen und die Familienfreundlichkeit im Land gewaltig ins Wanken. Irgendwie hat es dann doch geklappt, eine Tagesmutter wurde gefunden, das Kind eingewöhnt und ich ging zurück an die Schüppe. Aber es fühlt sich nicht richtig an. Die Tagesmutter ist nicht zufrieden mit dem Kind, ich nicht mit den großen und frühen Erwartungen an so einen kleinen Menschen, der Job ist mit reduzierten Stunden nicht mehr das, was er mal war. Ab und an fällt die Betreuung aus und die Vereinbarkeit zeigt mir einen Mittelfinger, steht mit der Oma im Stau am Kreuz Bochum und lässt mich ratlos zurück. Vereinbarkeit ist nämlich irgendwie auch das, was im Kopf passiert. Es ist noch ein weiter Weg. Für mich im Kleinen und für die Gesellschaft im Großen.

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